Mischnick-Blog
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2.3.1 Der alte Mann

Erstellt ab 30.08.2021

Der alte Mann stand am Fenster und blickte hinaus.

Am blauen Oktoberhimmel jagten ein paar graue Herbstwolken vom Wind getrieben nach Osten. Der Mann blickte auf die Rasenfläche, die an das Haus grenzte und dann hinüber zu den alten Apfelbäumen, die reichlich Obst trugen.

"Jetzt müsste sie kommen", dachte der alte Mann noch, als die Erntemaschine, wie von Geisterhand angetrieben, hinten auf dem kleinen Feldweg um die Ecke bog. Sie rumpelte bis auf 10 Meter an die Apfelbäume heran und hielt an.
"Nanu, schon wieder eine Störung ?", murmelte der alte Mann vor sich hin und wollte gerade den Instandhaltungsroboter aktivieren, als es von der Erntemaschine aus zu den Apfelbäumen hinüber blitzte.
"Achso, diese neue optsiche Technik ...", murmelte der alte Mann, "da waren die Planungsdroiden wieder sehr schnell."
Die Erntemaschine hatte ein Foto der Bäume gemacht und begann mit ihren neuen Gelenktentakeln die Äpfel einzeln aber sehr gezielt und präzise zu pflücken. Die Maschine wusch jeden Apfel, trocknete ihn ab und setzte ihn flink, aber gezielt und behutsam in eine der Stiegen, die auf der hinten angekoppelten Ladefläche bereit standen.
Der alte Mann schaute zu und wollte gerade beim Kaffee-Replikator eine Tasse Kaffee bestellen, als der Rasenmäh-Roboter gegenüber aus seiner Garage fuhr und seinen Dienst begann. Nahezu lautlos fuhr er über den Rasen und schnitt diesen millimetergenau auf Länge.
"Huch, schon so spät ?", fuhr es dem alten Mann duch den Kopf. Der Rasenmäh-Roboter begann sein Werk jeden Tag um punkt 10:00 Uhr, da die Halme des Grases um diese Uhrzteit die beste Schnittfreude aufwiesen. Dies hatten die Bio-Droiden ermittelt.

Also nahm der alte Mann sein 6D-Smartphone von der Magnethalterung an seiner Jacke ab und sprach

"Alexa ? ... ... Kaffee !"

"Ja, erhabener Meister ... Kaffee ... Sofort", antwortete Alexa.

Der alte Mann freute sich jedesmal diebisch, wenn er diese Anrede hörte. War es ihm doch gelungen, diese Worte selber einzuprogrammieren.

Im Nebenraum begann der Kaffee-Replikator nach einem kurzen Piepston zu summen und nach kurzer Zeit verbeitete sich ein angenehmes Kaffeearoma in den Räumen. Der Mann ging hinüber zum Replikator und entnahm seinen Kaffee, der leichten Schaum trug und kräuselnd dampfte.
"Was mache ich denn heute mal ?",  fuhr es dem Mann durch den Kopf, während er zum Fenster im Replikatorraum schritt.

Er verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und schaute hinaus.

Hinter einem Kiesberg sah er den Betonmischdroiden, wie er gerade eine Menge Zement mit Wasser und Kies vermischte. Weiter im Hintergrund entstand gerade ein neues Gebäude für die Serverfarm des alten Mannes. Er hatte doch reichlich Droiden im Einsatz und der Platz im Keller reichte für die nötigen Server nicht mehr aus. Zudem würde das Erdgeschoss die nötigen Ladestationen für die Akkus der Droiden enthalten. Die stärkere Stromleitung war bereits vor ein paar Tagen fertig geworden, was ein armdickes Kabel bewies, welches aus der Grundplatte des neuen Gebäudes empor ragte.

Er wollte gerade genüsslich einen Schluck seines Kaffees genießen, als sich sein 6D-Handy meldete:

... "quieck, kruschel, kreschel, knatter" ...

"Log 753/23 ... Pflück-Droide 2 ..."

"Controller-Befall an den Äpfeln !"
"Erwarte Instruktionen !"
"Ende !"

... "knittel, knattel, knacks" ...

Erstaunt blickte der alte Mann auf das rot blinkende Display seines Handys. Er überlegte eine Weile und sparch dann in das Mikrofon:

"Pflück-Droide 2 !"
"Sende gezählt einen Apfel mit Befall in den Replikator !"
"Ende !"

Dann wartete er...

Nach einer ganzen Weile leuchtete die Magenta farbene Warnlampe am Replikator auf und die vordere Luke des Gerätes verwandelte sich wie von Geisterhand in eine Stahlpplatte.

Das Gerät begann zu summen und es war ein gedämpftes Zischen im Inneren zu hören. Danach löste sich die vordere Stahlplatte wieder auf und im Inneren des Replikators stand jetzt ein kleiner Drahtkorb, in dem man einen Apfel erahnen konnte.
Der alte Mann nahm den Drahtkorb aus der Maschine, öffnete ihn vorsichtig und stellte den Apfel vor sich in einen Pappkarton auf den Tisch.


"Was ist das denn ?", fuhr es dem Mann durch den Kopf.
"Haben diese Biester jetzt auch schon künstliche Intelligenz ?"

Etwas niedergeschlagen erkannte er, dass man diesem Controllerbefall wohl nicht mit alten Methoden wie Pestiziden oder Fungiziden Herr werden konnte. Auch konnte man Apfelbäume ja schwerlich impfen.
Er überlegte, was er jetzt tun könne und kam auf die Idee, die Controller zu beobachten. Vielleicht war alles ja ein dummer Streich von den verwöhnten Jungs seines Nachbarn.

Also stellte er den Pappkarton behutsam auf das Fensterbrett, ließ sich vom Duschdoiden einmal richtig mit einer heißen Dusche verwöhnen und ging ins Bett.

Als die Beleuchtung am nächsten Tag in seiner Wohnung dämmerte, erwachte er, ließ sich einen starken Kaffee replizieren. Nachdem sich über Nacht der erste Schreck gelegt hatte, war er besonders vorsichtig geworden und schlich ganz leise zu dem Pappkarton hinüber.

Was er dann sah, verwunderte ihn einerseits doch sehr, andererseits war es aber auch irgendwie logisch.

Die beiden Controller schienen dem Liebesspiel zu fröhnen.
So etwas hatte der alte Mann noch nie gesehen und glaubte zu träumen. Schnell ließ er vom Fotoautomaten ein paar Fotos von diesem Schauspiel machen, um sie später seinem Freund, dem Bio-Analytiker, zu zeigen.

Vorsichtig entfernte der alte Mann sich wieder von dem Pappkarton und ging an das Fenster im Replikatorraum, um zu schauen, wie weit die Baudroiden mit dem Neubau waren. Er sah die Droiden drüben vor dem angefangenen Neubau stehen und wild gestikulierend diskutieren.

"Was ist denn da schon wieder los ?", murmelte er, während er seinen Kaffee trank.

"Baudroide 1, gibt es Probleme ?"
"Kommen !"

... knätsch knickel krächts ...

"Erhabener Meister, wir streiten um die siebenundzwanzigste Stelle der Kreiszahl Pi ..."
"Kommen."

"An Droide 1: Warum das denn ?"
"Kommen."

Insgeheim verfluchte der alte Mann schon den Tag, überhaupt diese Droiden angeschafft, anstatt einfach eine dieser altbackenen Baufirmen angheuert zu haben. Aber jetzt hatte er die Droiden nunmal, und billig waren sie ja beileibe nicht gewesen.

"Wir brauchen diese Nachkommastelle, um die Erdkrümmung mit einzubeziehen, Meister."
"Kommen."

"Ach, herrjeh", fuhr es dem alten Mann durch den Kopf, "mein eigener Fehler !"

"An Droide 1: Genauigkeitsstufe von fünf auf zwei umstellen !"
"Ende !"

"Verstanden, ist umgestellt."
"Ende."

... krächts, knatter, knatter, plöpp ...

Der alte Mann sah erneut aus dem Fenster und bemerkte, dass sich die Versammlung der Doiden wieder auflöste und die Arbeiten jetzt offenbar sogar etwas zügiger voran schritten.

"Nun, gut", dachte der alte Mann, "es scheint sich doch alles noch einzulaufen."

Erließ sich er vom Catering-Robot ein deftiges Frühstück servieren und bemerkte, dass es etwas nach Pappe zu schmecken schien.

"Mehr Würze !!!", schrie er den Robot an.

Der Robot würzte ohne Regung nach, und jetzt aß der alte Mann mit seltsam laschem Genuss sein Frühstück. Ihm ging der Begriff "Pappe" nicht aus dem Kopf. Was wohl die beiden Controller in dem Pappkarton drüben auf der Fensterbank gerade machten ? Ob die sich wohl immer noch lieben würden ?
Er bemerkte, dass er schneller aß, so groß war seine Neugierde, wieder zu dem Pappkarton zu gehen und nachzuschauen.

Schließlich stand er auf und murmelte:
"Na, schau'n wir mal, wass diese Biester noch so treiben."

Aber als er auf leisen Sohlen beim Pappkarton angekommen war, war er noch erstaunter als am Tage zuvor.

 

Er sah, wie offenbar einer der Controller vier kleine Controller säugte. Im Hintergrund tollten drei weitere kleine Controller im Spiel vertieft umher, während der andere große Controller am Apfel saß und an diesem wohl saugte.

"Das muss ich für meinen Bio-Freund fotografieren lassen !", schoß es dem Mann durch den Kopf.

"Fotodroide ! Fotos ! sofort !", flüsterte der Mann hastig.

... kratz, krööks, knöcks ...

"Hier Apfelpflückdroide 1 ... Was ist nun mit den Instuktionen ? ... der Befall nimmt zu !"
"Kommen."

 "Ruhe das draußen !!! Hier findet Wissenschaft statt !!!", herrschte der Mann den Droiden an.
"Ende !!!"

Ganz verträumt schaute der alte Mann auf die beiden großen Controller in dem Pappkarton, wie sie sich um ihren Nachwuchs kümmerten. Manchmal stieg der eine Controller vom Apfel herab und half einem kleinen Controller wieder auf die Beine, wenn er beim Spiel unglücklich auf den Rücken gefallen war. Und manchmal schubste der säugende Controller einen kleinen Controller sachte zurecht. Es schien beim Säugen offenbar hin und wieder ein wenig zu zwicken.
Nach einer ganzen Weile (der alte Mann war schon ganz faziniert von dieser Controllerfamilie) stiegen alle Controller auf den Apfel und die Kleinen bekammen jetzt wohl die erste feste Nahrung.

 

Der alte Mann konnte sich gar nicht satt sehen und ließ vom Fotodroiden ein Foto nach dem anderen machen, als er eine Stimme hörte:

" ... ... ... Ihnen mitteilen können, dass der Corona-Inzidenzwert in unserem Land wieder etwas gefallen ist."
"Die Wettervorhersage ... ..."

Der alte Mann schlug vorsichtig die Augen auf.

Im Hintergund lief im Fernsehen gerade der Wetterbericht und die Frau des alten Mannes rief ihm freundlich zu:
"Schatz, du hast ja ganz gewaltig geschnarcht. Du bist auf dem Sofa eingeschlafen."

Der alte Mann rieb sich die Augen, kam kaum zu sich und meinte:
"Ach ja, ach ja ... ..."

"Ich habe hier Äpfel. Soll ich dir auch einen Apfel schälen ?", fragte seine Frau lieb.

"Ach nee, nein, lege ihn bitte in einen Pappkarton auf die Fensterbank.",
raunte der Mann,

"du ahnst ja gar nicht, was ich gerade geträumt habe ..."

 




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